19./20. September 2020 - Im Reich Gottes gelten andere Tarife

"Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste Stunde und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten! Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten einen Denar. Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, die geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will. Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte." Mt 20, 1-16

[Bild: Thomas Kleine - Pfarrbriefservice.de]

Das Gleichnis provoziert, wie das Jesus anscheinend mochte. Auf weltlicher Ebene ist das Ganze schlicht ungerecht. Die Empörung derer, die den ganzen Tag geschwitzt haben, ist nachvollziehbar.

 

„Denn mit dem Himmelreich ist es wie…“, so fängt Jesus an und wechselt die Ebene.  Jesus unterbricht das gewöhnliche Rechnungswesen. Es verträgt sich nicht mit dem Reich der Gnade, des Erbarmens und der Liebe. Der Blick Jesu richtet sich auf das, was ein jeder, der da kommt und arbeitet, „zum Leben braucht“. Der Blick Jesu richtet sich auf die Bedürftigkeit der Tagelöhner. Jeder einzelne von ihnen muss um die Runden kommen. Jeder einzelne, ganz gleich, wann er angeworben wurde und wie viele Stunden er gearbeitet hat, hat eine Familie zu ernähren. So gesehen handelt der Gutsbesitzer zwar sehr ungewöhnlich, doch zugleich weitsichtig und großzügig. Wenn dann dennoch gemurrt wird, dann deshalb, weil sich Güte nicht verrechnen lässt. Darum geht es. Das Reich Gottes wird nicht von den Buchhaltern regiert, hier gelten andere Tarife: Güte, Erbarmen, Liebe, Verzeihen – das alles verträgt keine Preisschildchen, man kann es nicht verrechnen. Im Reich Gottes sind wir alle Bedürftige. Jesus unterbricht die sonst geltenden Tarifbestimmungen.

 

Religion, so hat einmal einer gesagt, sei Unterbrechung. Güte und Verzeihen sind auch Unterbrechungen, die schon mitten im Hier und Jetzt etwas Heiliges in unser alltägliches Leben bringen.

 

Wendelin Lechner

Pfarrer des Pfarrverbandes St. Clemens und St. Vinzenz

(Foto: Konstantin Bischoff )