25./26. Juli 2020 - Ein hörendes Herz

 

 

„In jenen Tagen erschien der Herr dem Sálomo nachts im Traum und forderte ihn auf: Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll! Und Sálomo sprach: Herr, mein Gott, du hast deinen Knecht anstelle meines Vaters David zum König gemacht. Doch ich bin noch sehr jung und weiß nicht aus noch ein. Dein Knecht steht aber mitten in deinem Volk, das du erwählt hast: einem großen Volk, das man wegen seiner Menge nicht zählen und nicht schätzen kann. Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht! (…). Es gefiel dem Herrn, dass Sálomo diese Bitte aussprach.“ (1 Kön 3,5.7-10)

 

Bild: Peter Weidemann / pfarrbriefservice.de

 

 

Im Märchen geht es meistens gehörig schief, wenn die Fee dem Helden die Erfüllung eines Wunsches gewähren will. Der weiß dann meistens gar nichts Gescheites, was er sich wünschen soll oder er vergeudet den freien Wunsch leichtfertig mit banalen, schnell vergänglichen Gütern wie einem Palast, Goldtaler oder einem Festtagsbraten.

 

Salomo, der junge König von Israel, neu auf dem Thron, darf sich von Gott etwas wünschen, Gott will ihm eine Bitte gewähren: „Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll!“. Und was wünscht sich Salomo? Man könnte meinen, der junge Herrscher würde sich etwa großen Reichtum, einen Sieg über seine Feinde, die Ausdehnung seiner Herrschaft, ein langes Leben, Erfolg oder Gesundheit wünschen. Salomo aber bittet Gott: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz!“.

 

Salomos Königsdisziplin ist also ein hörendes Herz, ein Gott hörendes Herz.  

 

Und tatsächlich wird er so seinem Volk ein guter König; wird er schließlich zum Idealbild eines weisen Menschen. Die Bibel bezeichnet ihn nicht von ungefähr als den weisesten aller Menschen (1 Kön 5,10f.). Von weit her kamen die Menschen, um seinen Rat einzuholen und sich von ihm beraten zu lassen. Salomos Weisheit ist bis heute sprichwörtlich.

 

In der aktuellen Weltpolitik haben wir derzeit leider nicht wenige Antibeispiele zu König Salomo, Präsidenten, die einfach lospoltern, anstatt zu- und hinzuhören. Nun, wir sind keine Politiker, aber in der Königsdisziplin des hörenden Herzens kann sich jeder und jede üben.

 

Wozu hilft uns ein hörendes Herz?

 

Um unterscheiden zu können zwischen Sein und Schein, Gut und Böse; um ein eigenes besonnenes Urteil treffen zu können, unabhängig von allen schnellen Vorurteilen und gängigen Meinungen; um stets das große Ganze im Blick zu haben...

 

Um in unseren Mitmenschen ihre Würde, ihren inneren Reichtum zu erkennen, um die leisen Zwischentöne wahrzunehmen, um zu hören, wie es ihnen wirklich geht und zu verstehen, was sie uns eigentlich sagen wollen...

 

Um uns selber besser wahrzunehmen, die Signale, die unser Körper und unsere Gefühle aussenden, die uns mitteilen, was für Seele und Leib wichtig ist; achtsamer zu sein, damit es uns gut geht...

 

Und nicht zuletzt: Um Gottes Wort zu hören, das täglich an uns herangetra­gen wird, in den Menschen, die uns begegnen, in den Dingen, die um uns herum geschehen, in der biblischen Botschaft; um unsere innerste Berufung zu erspüren, die Lebensaufgabe, die Gott uns zugedacht hat, herauszuhören...

 

Machen wir uns die Bitte Salomos zu eigen!

 

Robert Hof

Pfarrer von Herz Jesu

 

 

(Foto: Robert Hof, Pfarrer. ©Text100)