03./04. Oktober 2020 - Erntedank heute feiern!

Wer gewürdigt wird, die Gesänge der Kräuter zu hören,
zu vernehmen, wie jede Pflanze  ihr Lied singt zu Gott,
ganz aus sich selbst, der weiß,
wie schön und süß es ist, ihr Singen zu hören.
Es ist gut, Gott zu dienen in ihrer Gemeinschaft,
einsam zu wandern über das Feld hin
zwischen den Gewächsen der Erde,
und zu reden mit Gott in Wahrhaftigkeit.
Die Stimme des Feldes geht über in deine
und gibt ihr größere Kraft.
Dein Atem trinkt die Lüfte des Paradieses,
und kehrst du heim, ist die Welt neu vor deinen Augen.
(aus der jüdischen Mystik)

[Bild: pixabay]

Erntedank feiern wir an diesem Wochenende!
Beginnen wir doch einmal mit einem Brainstorming. Bevor Sie weiterlesen: Was fällt Ihnen zu Erntedank ein? –
Rotbackige Äpfel, Hitze, süße Trauben, CO2, Berge von Kürbissen, Erntehelfer*innen, Sonne, Wind und Regen, Korn, Corona, Genuss, Unkrautvernichtungsmittel, Brot, Hunger, Bauer, Durst, Bäckerin, Überfluss, Trockenheit, grüne Pflanzen, bunte Blätter, Insektengift, fette Erde, brennende Wälder …
Wahrscheinlich erging es Ihnen wir mir: Erntedank verbinde ich nicht nur mit schönen Inhalten. Eigentlich war es noch nie ein Fest, in dem man nur schwelgen konnte. Aber in der heutigen Zeit fällt es besonders schwer, finde ich, es allein als Fest des Dankes und der Freude zu feiern. Ein heftiges Ringen ist entbrannt um die richtige Bewirtschaftung der Felder, einen anderen Umgang mit der Schöpfung, darum, anders zu leben. Die Situation ist komplex. Es geht um Existenzen – von Betrieben und Firmen aber auch von der Luft, den Böden, den Meeren. Und jeder weiß, dass es „so“ nicht weitergehen kann.
Wie sieht mein „so“ aus? Wie kann es bei mir nicht weitergehen? Das können ganz praktische Aspekte sein. Für mich spielt aber auch mein inneres Verhältnis zur Schöpfung eine Rolle. In dem Text aus der jüdischen Mystik kommt zum Ausdruck, dass jede Pflanze und jeder Mensch mit Gott verbunden ist, in irgendeiner Weise mit ihm kommuniziert. Wenn beide „Stimmen“ sich vereinen, die Stimme des Feldes (der ganzen Schöpfung) und des Menschen, also meine Stimme, unsere Stimmen, so geht von dieser einen Stimme eine größere Kraft aus. Und wir werden die Welt mit neuen Augen sehen und versuchen, das verlorene Paradies zu neuem Leben zu erwecken.
Neu schauen. Andere Perspektiven einnehmen. Sich verbunden fühlen mit den Feldern und Meeren und Wäldern … Daraus kann ein ganz neues Handeln entstehen und Erntedank wieder ein wirkliches Fest werden.

Barbara Gollwitzer

Pastoralreferentin in Herz Jesu

(Foto: Pfarrei Herz Jesu)