"Himmelsgruß" - unser wöchentlicher Impuls


Jede Woche gibt es hier Gedanken zu einer Sonntagslesung zum Lesen - vorbereitet von einem*r Neuhauser Seelsorger*in.


4. Dezember 2022 - 2. Advent

 

 

 

     

 „An jenem Tag wächst aus dem Baumstumpf Isais ein Reis hervor. Ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ (Jes 11, 1)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Martin Flüß, in: Pfarrbriefservice.de

 

Der Prophet Jesaja ist ein Visionär. Ein Meister des „tieferen Blicks“, also weg von der Oberfläche, hin zur Tiefendimension der Realität. Mag diese noch so hart sein, Jesaja ahnt schon das Neue und Andere. Im abgehackten Baumstumpf sieht er schon den jungen Trieb sprießen. Konkret ahnt er im desolaten davidischen Königshaus den kraftvollen und gerechten König kommen. Jesaja gilt daher als Prophet des Trostes für das geschundene Gottesvolk.

 

Auch ich will nicht aufhören an den Frieden zu glauben, auf den Frieden zu hoffen, für den Frieden zu beten, auch wenn ich ihn noch nicht sehen kann.

 

Auch Jesus war so ein Meister des „tieferen Blicks“. Mitten in einer oft trostlosen und unbarmherzigen Welt erkennt er die Spuren der neuen Welt Gottes: „Das Reich Gottes ist nicht hier, es ist nicht dort. Es ist schon mitten unter euch.“ (Lk 17, 21) Dort, wo die Benachteiligten zu ihrem Recht kommen, dort, wo die Hungernden satt werden, dort, wo den Sündern vergeben wird.

 

„Ecclesia semper reformanda est“ – die Kirche ist immer reformbedürftig. Wenn wir auf das derzeitige Erscheinungsbild unserer Kirche schauen, dann brauchen wir auch Visionäre, Menschen mit dem „tieferen Blick.“ Auch aus dem „Baumstumpf Kirche“ kann und wird ein neuer Trieb hervorwachsen. Ich bin überzeugt, dass unter der Oberfläche das Leben des Gottesreiches weiterhin pulsiert. Wie es einmal Bischof Klaus Hemmerle gesagt hat:

 

Advent ist die Botschaft:

der Herr wird kommen,

das Reich ist noch nicht vollendet,

es braucht noch unsere Geduld,

unser Gebet, unsere Arbeit,

das Zeugnis unserer Hoffnung.

Aber das Reich ist zugleich schon angebrochen,

weil der kommende Herr schon gekommen ist

und in unserer Mitte lebt,

weil er mit uns lebt.

 

 

Dekan Wendelin Lechner

Pfarrer des Pfarrverbandes St. Clemens und St. Vinzenz

(Foto: Matthias Rößner)